Eröffnungsrede Eva-Maria Sens

Was feiern wir?
Das klingt zunächst nach einer erstaunlich einfachen Frage. Schließlich sind wir hier, um ein Jubiläum zu feiern. Fünfzig Jahre Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Das ist eine schöne, runde, respektable Zahl. Eine Zahl, die geradezu danach ruft, gewürdigt zu werden. Die mit Pauken und Trompeten begrüßt und mit Gold ummantelt werden muss.
Aber was genau würdigen, was zelebrieren wir eigentlich?
Mit Jubiläen und Geburtstagen ist das nämlich so eine Sache. Ich persönlich habe mit Geburtstagen, im Besonderen meinem eigenen, so ein Thema. Ich war etwa acht Jahre alt, als ich mich zum ersten Mal gefragt habe, warum an meinem Geburtstag denn ich gefeiert werde. Denn wenn wir ehrlich sind: Zu meiner Existenz habe ich vergleichsweise wenig beigetragen. Dass ich geboren wurde, war nicht meine Idee. Der Tag meiner Geburt war nicht meine Leistung.
In späteren Jahren kamen weitere Zweifel hinzu. Es erschien und erscheint mir merkwürdig zu sagen: Bitte kommt vorbei. Bitte feiert mich. Und wenn möglich: bringt mir noch etwas Schönes mit.
Sie sehen: Ich bin also genau die Richtige, um den 50. Geburtstag der Festwochen auszurichten!
Der Vorteil an diesem Geburtstag: Es ist nicht mein eigener. Und doch: so ganz unbeteiligt an diesem Ding, das hier gefeiert wird, bin ich dann auch wieder nicht. Eine vertrackte Situation. Mit einem Bein stehe ich mittendrin in diesem Geburtstag, mit dem anderen stehe ich vor der Türe und betrachte das Geburtstagskind von außen.
Dieser Zwiespalt bringt mich wieder zurück zu unserer Eingangsfrage: Was feiern wir? Wer feiert hier eigentlich wen?Feiern wir die Institution, den Namen, die Marke?
Und was macht diese Institution, diese Marke aus? Steht sie einfach aus Luft geboren für sich oder sind es neben der simplen Definition «ein Festival für alte Musik in historischer Aufführungspraxis» nicht doch die Menschen, die sie mit Leben befüllen und sie so ausmachen?
Auch die Frage ob wir das Hier & Jetzt oder die Retrospektive feiern, wird, je nachdem, wen man fragt, ganz unterschiedlich beantwortet. Für die einen ist das Jubiläum dazu da, den Ursprung zu feiern. Das Feiern als Erinnern. Für andere ist es das Hier und Jetzt – ein in die Zukunft gewandtes Feiern. Schon wieder stehen wir im Spagat zwischen zwei unterschiedlichen Ideen.
Da stehe ich dann also – selbst nicht unbedingt die Geburtstagsfeiererin – vor einem großen runden Jubiläum und sollte idealerweise zeitgleich von draußen und drinnen, aus der Nähe und der Distanz auf das zu Zelebrierende blicken.
In solch einer Situation verpacke alles gerne in ein Bild, um es fassbar zu machen.
Otto Ulf hat einen Baum gepflanzt, damit wir in dessen Schatten jetzt tanzen können und dessen goldene Äpfel ernten dürfen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Baum von vielen Menschen gepflegt, gedüngt, beschnitten und seine Früchte geerntet. Er war unterschiedlichen Witterungen ausgesetzt, nicht immer nur zu seinem Vorteil. Die unterschiedlich gemusterten Jahresringe zeugen von Phasen der Üppigkeit ebenso wie von Phasen der Dürre. Hier und dort hat der Specht dran geklopft. Ein Föhnsturm hat ein paar Äste abgeknickt. Der Baum hat alles überstanden, er wuchs und gedieh, seine prächtige Baumkrone erstreckt sich ab einem gewissen Zeitpunkt in die Höhen des sommerblauen Himmels weit hinauf bis über die Grate der Tiroler Alpen und ist weithin, man möchte sogar so weit gehen zu sagen: weltweit, sichtbar. Otto Ulf hat einen Baum gepflanzt, der in den Wäldern Arkadiens seinesgleichen findet. Belebt und umlebt von Menschen mit einem Hang zum ein bisschen Aus-der-Reihe-Tanzen.
Keiner seiner Jahresringe erzählt die ganze Geschichte. Nicht der Erste – nicht der größte – nicht der schönste und auch nicht der heurige. Ihre Summe ergibt den Baum, so wie die Summe aller Jahre, aller Menschen, aller Staunenden, aller Kreativen, aller Werke und Klänge die Festwochen ausmachen.
Auch ist keine Sichtweise auf den Festwochen-Baum vollumfänglich. Nur, wenn wir wie in einem Kaleidoskop alle tönenden – kritischen – wohlklingenden – gleichgültigen – zufälligen – himmelhochjauchzenden und wehmütigen Erinnerungen zusammenbasteln, können wir uns ein Bild davon machen, was wir diesen Sommer eigentlich feiern.
Ich würde Ihnen gerne meine Antwort auf diese Frage mitgeben.
Meine Antwort ist eine Liebeserklärung an dieses einmalige Festival.
- Ich feiere die Idee und ihre Väter und Mütter.
- Ich feiere die Neugier, die seit den Anfangsjahren eine stete Begleiterin ist.
- Ich feiere die Ehrlichkeit und Bodenständigkeit, mit der an diesem Ort mit Alter Musik umgegangen wird. Das stete in Beziehung setzen von Gegenwart und Vergangenheit.
- Ich feiere den Genuss, mit dem sich der Alten Musik auf so vielfältige Art und Weise und so ausschweifend hingegeben wird.
- Ich feiere, dass es keinen anderen Ort auf der Welt gibt, an dem diese beiden Faktoren auf dieselbe Art und Weise miteinander verbunden sind.
- Ich feiere den Mut, der sich durch all die Jahrzehnte zieht.
- Ich feiere, dass wir ein bisschen wahnsinnig genug sind und goldene Äpfel ernten.
- Ich feiere 7392 Namen. So viele künstlerisch Beteiligte haben die Festwochen seit 1976 beehrt.
- Ich feiere, dass diese überaus begabten Menschen, den Festwochen ihr Können, ihre Präsenz und ihre Emotionen nicht nur aus einem Arbeitsauftrag heraus schenken, sondern zu einer Familie zusammenwachsen, einer sich stetig erweiternden und mäandernden Familie.
- Ich feiere, dass die Festwochen eine Art Arkadien sind, wo das Miteinander und das Wohlwollen im Vordergrund stehen.
- Ich feiere die über 640 Menschen, die für die Festwochen jenseits der Bühnen tätig waren. Und ich freue mich ungemein, dass einige von ihnen heute mit uns feiern.
- Ich feiere das beste Team der Welt. Und in diesem Jahr ganz besonders Anja Falch und Andreas Aigner, die im Jahr der 50. Festwochen ihre 10. Festwochen bestreiten.
- Ich feiere, dass ich Teil von all dem sein darf.
Um meiner eben noch mit Nachdruck vorgebrachten Aussage zu widersprechen, dass ich es an Geburtstagen unangenehm finde, dass man quasi Geschenke einfordert, möchte ich Sie um etwas bitten:
All diejenigen von Ihnen, die an den Quellen sitzen: Sorgen Sie dafür, dass die Festwochen auch in den kommenden Jahrzehnten ein Teil von Arkadien sein können.
Und Sie alle bitte ich um ein Wortgeschenk für die Festwochen. Dafür haben wir Ihnen etwas in Ihr Programm gelegt. Schenken Sie den Festwochen Ihre ganz eigene Antwort auf die Frage und Ihre Wünsche für die Zukunft.
Damit der Baum, unter dem wir heuer zum Jubiläum der 50. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik tanzen, mit roten Blättern und guten Wünschen durchwebt ist.

